Als Expat in China

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Liebe Leser,

an dieser Stelle habe ich mir vorgenommen mit Ihnen zukünftig meine Erfahrungen und Eindrücke über China zu teilen.

Zwischen Expats die in China leben gibt es die folgende Weisheit:
In den ersten 1, 2 Jahren möchte der neu in China angekommene Expat unbedingt ein Buch über China schreiben; man muss doch den Mitmenschen im Ausland (zumindest seinem Freundeskreis in Deutschland) endlich einmal erzählen wie es in China wirklich ist, alles was man sonst so liest ist doch nur Quatsch. Dann, so nach etwa 2 Jahren stellt man fest es ist doch etwas komplexer als anfangs angenommen, und überhaupt es gibt so vieles was man in diesem Land noch nicht verstanden hat, deshalb besser etwas abwarten bis man das neue Handbuch zu China schreibt. Dann, nach spätestens 5 Jahren in China stellt man fest: Das wird wohl nichts mehr mit dem Buch über China.
Das nicht deshalb weil man zu faul ist. Es ist die schiere Mammutaufgabe über so ein Land wie China zu schreiben, die einen angesichts der eigenen – stets als unzureichend empfundenen  - Erfahrungen und Erkenntnisse davon abhält es überhaupt zu wagen. Es scheint schlicht keine geeigneten Worte zu geben dieses Land, oder besser, dieses Reich (der Mitte), mit den richtigen Worten zu beschreiben. Jeder Ansatz scheint zum Scheitern verurteilt zu sein.

Nicht anders erging es mir in meiner Zeit in China, und ‚Chapeau‘ an alle die es geschafft haben doch ein Buch über China zuschreiben; wobei es mir (und vielen anderen die selbst in China lange gelebt haben) häufig so ergeht, dass man schon nach den ersten Zeilen das Buch genervt zur Seite legt, weil man eigentlich versteht was der Autor damit über China sagen will, es aber doch wieder ganz anders beschrieben wird. Oder anders gesagt: Knapp vorbei ist auch daneben.

Dass wir uns alle keine Illusionen machen: Nicht anders wird es mir ergehen mit diesem Blog.

Deshalb sollte vielleicht als meine erste allgemeine Erfahrung über China festgehalten werden: Gerade die Tatsache, dass in China alles irgendwie anders ist, eben nicht in unser „westliches Raster“ passt, macht China wohl so interessant, und für viele so faszinierend. Zugleich ist das jedoch auch eine Quelle stetiger Missverständnisse über dieses Land, denn dieses Land lässt sich eben nicht begreifen durch unsere eigenen westlichen Projektionen die - ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind – uns im Wege stehen wenn wir etwas über China lesen und hören. Aber wie soll es denn auch anders sein, das ist nur menschlich, und wer China nicht selbst einmal erlebt hat der kann einfach nicht anders.

Wenn wir schon bei den „Basis-Erfahrungen“ über China sind: Angesichts der „Megastädte“ Shanghai und Peking, ganz zu schweigen von Guangzhou, Shenzhen, Tianjin und wie sie alle heißen, und im Gegensatz dazu der aktuellen Bräsigkeit wie wir sie aktuell in Deutschland erleben, und seiner Städte in der jedes neue Hochhaus gefühlt mindestens ein Bürgerreferendum mit sich bringt, erscheinen Chinas Metropolen zur Zeit als geradezu kosmopolitische Zentren (sorry, aber ich hab keinen Vergleich zu Amerika).
Vergessen Sie dabei aber bitte eines nicht. In was die Chinesen schon immer gut waren (schauen Sie ich dazu zum Vergleich bspw. nur die Propaganda der kommunistischen Partei seit der Kulturrevolution an) dann ist das „Show“. Oder haben Sie jemals aus China selbst negative, kritische Nachrichten gehört. Wenn es nicht so gut läuft dann schweigt der Chinese. Sobald es aber schon wieder ein klein wenig vorangeht, dann wird das in den höchsten Tönen positiv verkauft. Ich denke wir Europäer, und vor allem wir Deutsche haben das in den letzten Jahrzehnten übersehen, oder wollten es einfach nicht wahrhaben.
Der Chinese schämt sich und schweigt („bu hao yi si“) wenn es nicht so gut läuft, umso mehr ist er oben auf, wenn es vorangeht („fei chang bang!“).
Wir hier in Europa, vor allem wir Deutschen, sind im Vergleich dazu ja quasi systematische Selbstzerfleischer. Wenn es gut läuft, dann ist das etwas Selbstverständliches, wenn es aber einmal nicht so gut läuft, dann wird das in aller Öffentlichkeit breit diskutiert (zur Vermeidung von Missverständnissen: was auch gut so ist!). Aus chinesischer Sicht ist das aber nur ein Nachweis, dass es in Europa nicht gut läuft, dass die Europäer nichts können, denn in China muss schon sehr viel passieren, bevor man schlechte Nachrichten so breit diskutiert.

Aber ich wollte eigentlich was anderes sagen: Übersehen Sie bei allem was Sie über China sehen – gigantische Großstädte, Wahnsinns Natur, Jahrtausende alte Hochkultur – bitte nicht die Gerüche und die Geräusche drum herum. Ich glaube andere Expats werden mir das bestätigen. China ist auch ein Reich der nicht gerade betörenden Gerüche. Ich meine damit nicht den „Mapu“-Tofu-Stand an der Straßenecke, oder die Abwassergerüche die an der Straßenecke aus dem Schachdeckel quellen, sondern, dass sich nach wie vor auch bei vielen Großstadt-Chinesen hartnäckig der Glaube hält, zu häufiges Waschen entnehme dem Körper wertvolle Energie. Hinzu kommt die Lust der Chinesen auf knoblauchreiches Mittagessen. So wird der Gang durchs wohl gefüllte Büro für einen Expats schon manchmal zum ganz eigenen „Spießrutenlauf“.

Oder nehmen wir das „räuspern“ der Chinesen und abschließende Ausspucken des diesbezüglichen Ergebnisses, nicht selten ganz ungeniert unmittelbar vor die Füße des Verfassers dieses Textes. Lassen Sie es uns einmal ganz unverblümt sagen: Es gibt wohl in keinem anderen Land der Welt dieses Geräusch des „Hochziehens“ von Schleimresten aller Couleur tief aus der Lunge und anschließende Lautstarke ausspucken. Ich kenne keinen Expat der sich jemals an dieses ekelhafte Geräusch gewöhnen konnte.
Es gab jedenfalls gefühlt in meinen über 15 Jahren in China keinen Tag an dem ich nicht als Erstes auf dem morgendlichen Weg ins Büro dieses Geräusch hören musste.

Was meine ich damit? Der Chinese der das ließt wird sicherlich empört sein, ob solcher Offenheit, das ist ja quasi Volksbeleidigung, ob es nun den Tatsachen entspricht oder nicht. Dabei ist das meinerseits keineswegs so gemeint. Ich habe nirgendwo auf der Welt so liebenswürdige Menschen erlebt wie in China. Aber Sie als „Ausländer“, wenn Sie Bilder über das heutige, anscheinend so fortschrittliche China sehen, vergessen Sie bitte nicht, dass es vor Ort in China, mit all den Gerüchen, Geräuschen, dem Straßenlärm und der allgegenwärtigen Kameraüberwachung etwas anders zugeht, als man es sich von den Bildern im Fernsehen oder im Internet vorstellen mag.

Aber lassen Sie mich zu meinem eigentlichen Rat dieses Blogs kommen: Vergessen Sie beim geschäftlichen Umgang mit Chinesen was Sie jemals über den fast schon sprichwörtlichen ‚Gesichtsverlust‘ („gei mianzi“) gehört haben. Seien Sie einfach nur Sie selbst, so wie Sie auch anderswo mit ihrem Geschäftspartnern umgehen.
Warum das? Schon allein deshalb, weil der Chinese bei Ausländern eben nicht die lokalen sittlichen Anforderungen erwartet wie bei Verhandlungen mit seinem chinesischen Mitbürger - geschweige denn der chinesische Parteikader von einem chinesischen Privatunternehmer.
Ich habe schon viele deutsche Geschäftsleute in China erlebt die sich angesichts der angeblichen Geschäftssitten in China eher peinlich angestellt haben. Wer nun meint, das wäre doch gut, denn damit wird ja quasi das ‚Eis gebrochen‘, der täuscht sich. Der chinesische Geschäftspartner nimmt solche Verhaltensweisen in der Regel sehr genau wahr. Ist er Ihnen gut gesonnen, dann sieht er über solche unbeholfenen Versuche sich der chinesischen Sitte anzupassen mit einem Lächeln hinweg. In den meisten Fällen wird er Ihnen das aber als eine Schwäche auslegen. Vergessen Sie nicht: Es geht hier um ein knallhartes Geschäft. Wer sich als Ausländer unbeholfen der angeblichen chinesischen Sitten bedient, der erscheint in den Augen des chinesischen Gegenübers in der Regel als schwach, jemand der suggeriert, dass man ihn einfach ‚in die Tasche stecken kann‘.

Was ich damit sagen will? Wenn Sie möchten dann überreichen Sie bitte gerne weiterhin die Visitenkarte mit zwei Händen als Zeichen von Respekt, das kann gewiss nicht schaden. Mir sind aber bislang keine Vertragsverhandlungen bekannt die deshalb gescheitert sind, weil der deutsche Part die Visitenkarte nur mit einer Hand überreicht hat.
Mir sind aber sehr wohl unzählige Situationen bekannt, in denen es zu keinem - oder für die deutsche Seite zu einem schlechten - Deal gekommen ist, weil sich der deutsche Geschäftspartner durch seinen Versuch der Anpassung an die angebliche chinesische Geschäftssitte seinen Respekt verspielt hat. Das wird oft übersehen.
Deshalb mein Rat: Seien Sie einfach nur Sie selbst, ‚brechen Sie ich keinen ab‘. Chinesische Geschäftspartner sind in der Regel sehr pragmatisch, sie wollen Geschäfte machen mit Ausländern um Geld zu verdienen, der Rest ist Nebensache.

Damit beschließe ich meinen ersten Blog, und hoffe ich konnte Ihnen einigermaßen hilfreiche Informationen liefern. Nochmals: Ich will hier keineswegs behaupten, dass ich die alleinige Wahrheitshoheit über China besitze, ich möchte Ihnen lediglich meine eigenen persönlichen Erfahrungen weitervermitteln. Vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen fürs Chinageschäft ein klein wenig weiter.

In meinem nächsten Blog möchte ich mit von meinen Erfahrungen mit dem ‚richtigen verhandeln‘ mit Chinesen berichten.

In diesem Sinne, bleiben Sie gesund und halten Sie vor allem durch. Ich bleibe zuversichtlich, dass es bald – hoffentlich – wieder besser wird!

Ihr

Martin Seybold

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